Was für eine Einstimmung. Ich bin auf dem Weg zum Gate 70 am
Münchener Airport zu meinem Air Dolomiti Flug der mich zu einem verlängerten
Toskana Wochenende nach Florenz bringen soll. Ich bin schon oft von diesen
Busgates hier am Flughafen geboardet –aber anscheinend habe ich dieses Unikum
immer übersehen: hier steht nämlich eine echte italienische Bar, die auch noch
Little Italy heißt. Im Fernseher plaudert eine schnelle italienische Schönheit,
hinter der Bar serviert augenzwinkernd und den Damen Komplimente machend ein
italienischer Gigolo und es gibt heißen starken Espresso. Che bello.
Wenig später sitze ich schon in der ATR der italienischen
Lufthansa-Tochter. In meinen Ohren schnulzt Christopher Cross meinen aktuellen Lieblingsreisesong
„Sailing“. Ich schaue hinaus. Unter mir
die Alpen. Die Air Dolomiti macht ihrem Namen alle Ehre - und schnurrt ruhig Richtung Florenz. Dort
werde ich meinen Mietwagen abholen und noch eine Stunde Richtung Meer düsen. Nach
Camaiore zur Locanda al Colle nördlich von Pisa.
Die Einladung kam von "Charming Places"- Veranstalterin und Tourismuslegende
Siglinde Fischer – denn deren Tochter Anja Fischer mittlerweile die
Geschäftsführung übernommen hat und mit der Locanda al Colle eines ihrer Lieblings-Urlaubsdomizile
fand. Sie war sich sicher, es würde mir ebenso die Sprache verschlagen. Ich bin
gespannt und wie immer natürlich auch ein bisschen skeptisch. Kann es so
einfach sein, das Paradies zu finden?
Eine Stunde nach Landung bin ich angekommen. Die Locanda al Colle ist gleich auf den ersten Blick ganz nach meinem Geschmack. Das Haus (ein
ehemaliger Bauernhof) liegt an einem Hang voller Olivenbäume und üppiger
Vegetation. Nomen est Omen. Das Gasthaus am Hügel. Eine Zypresse schmiegt sich leicht im Wind. Von hier oben blickt man
auf das Tal von Camaiore und zum Ligurischen Meer. Mit einem herzlichen Lachen und
strahlenden Augen empfängt mich Arianna. Sie zeigt mir mein schönes Zimmer im
zweiten Stock. Schon der Aufgang hier hoch berauscht mich. Hier hat jemand
einen ganz außergewöhnlichen Geschmack. Die gesamte Locanda steckt voller
Details, wunderschöne Kunstwerke, die sich harmonisch in die gestylten und
wertvoll eingerichteten Räume einpassen.
Große und beeindruckende Bilder und wunderschöne alte Lampen. Die ersten Fotos, die ich auf meine Instagram Account poste, bekommen Reaktionen wie „bring mir mal den roten Sessel mit“ oder „ich hätte gern die Fensterläden“. Solche Reaktionen hatte ich noch nie. Mein Zimmer hat eine verwunschene Atmosphäre. Durch die aprikot-farbenen Vorhänge scheint die Toskanische Nachmittagssonne und taucht alles in ein warmes Licht. Draußen höre ich nur fröhliches Vogelgezwitscher. Schön. Das Bad in meinem Zimmer hat alte Fliesen und die wohl größte Regendusche, die ich je gesehen habe. Einen Fernseher gibt es nicht. Noch schöner.
Ich will raus. Ich nutze den Sonnenschein um die ersten
Fotos zu machen und bleibe dann doch in der Küche hängen. Die ist nämlich der
zentrale Ort der Locanda, eine Rezeption gibt es gar nicht. Chef Riccardo ist gekommen, und er erklärt
mir das Konzept seines Hauses. „Dies ist ein Zuhause, kein Hotel“. Mit neun Zimmern
wäre es dann auch ein bisschen klein für ein Hotel - aber er hat Recht. Die
Stimmung hier nimmt mich ein und lässt mich sofort heimisch fühlen. Oben im
zweiten Stock gibt es eine Art Wohnzimmer und überall liegen schöne Magazine
und Bildbände, in einer Selfservice-Bar stehen ausgewählte Drinks.
Überhaupt:
wenn man etwas anderes als Wasser, Tee oder Kaffee möchte, nimmt man es sich
einfach aus dem Kühlschrank und schreibt es selber auf. Das ist schon sehr wie
zu Hause. Auf der Terrasse döst der betagte Golden Retriever Ubaldo, der nächste Woche
seinen 16. Geburtstag feiert. Während ich mir nach dem Schnack mit Riccardo das
Haus anschaue, bereitet Arianna in der Küche nebenan eine Quiche für das
Frühstück morgen zu. Es duftet herrlich! Riccardo war jahrelang führender
Manager eines uns allen bekannten italienischen Modeherstellers, lebte auf
etlichen Kontinenten und hat einen ganz hervorragenden Geschmack und eine gute
Hand, seine über die Jahre gesammelten Werke hier in seiner Heimat zusammen
zubringen. Dass er weit gereist ist hört und sieht man überall. Er hat Klasse.
Von seiner Großzügigkeit und Gastfreundschaft möchte ich mir eine Scheibe
abschneiden.
Ich sitze im Halbschatten, esse ein Stück hausgemachten Kuchen
und genieße den Moment. Selbst die Musik ist ästhetisch. Es läuft leiser Jazz.
Ein Schmetterlings-Paar umfliegt mich wie so oft und zaubert mir ein Lächeln
auf die Lippen. Es ist schön hier. Riccardo kommt wieder. Er gibt mir für heute
Abend einen Tipp. Ich solle ins La Brocca gehen. Das gehöre einem Ehepaar, die
beide aus ihrer Leidenschaft einen Beruf gemacht haben. Rinaldo war früher
Fotograf und Lina war einst in der Designbranche tätig. Nun sorgen sie mit
einem kleinen Team dafür, ihre hungrigen Gäste glücklich zu machen. Also fahre
ich hin.
Etwa 15 Minuten weiter nördlich liegt das Restaurant etwas versteckt.
Schon die Einrichtung stimmt mich ein – liebevoll und witzig dekoriert, das La Brocca ist wirklich sehr charmant. Der Service mit Herz und einem ehrlichen
Lächeln. Neben mir saßen auch deutsche Gäste, die hier in der Gegend wohnen und
mir verrieten, dass sie schon viermal hier waren – und nie enttäuscht wurden.
Auch mich hat das Team vom La Brocca überzeugt. Es war wohl ihre Mission, diese
allein essende und sich für gutes Essen dankbar zeigende Bloggerin aus
Deutschland von der Qualität ihrer Waren und Kochkünste zu überzeugen. Anders
kann ich mir nicht erklären, dass sie mir etwa sechst oder waren es sieben
Gänge hintereinander mit einem breiten Lächeln auftischten. Als wollten Sie
mich herausfordern und testen, was ich so alles essen kann. Es war alles
hervorragend. Regional. Saisonal. Slow Food im besten Sinne.
Auch in der Locanda al Colle wird Wert auf bestes Essen
gelegt. Arianna backt jeden Tag frische Kuchen oder Quiches zum Frühstück und
immer mittwochs und samstags sind die Gäste abends zum Essen eingeladen. Am
Herd steht dann Koch Gian Luca. Ich begleite ihn einen Tag. Er sieht nicht nur
unverschämt gut aus, sondern ist charmant und lustig, so dass wir einen
großartigen Tag haben. Traumtyp. Und er kann was. Er ist 24 und kocht eher mit dem Herzen
sagt er. Er könne nicht verstehen, wie man anders kochen kann. Viele seiner
Landsleute, sagt er, geben sich mit weniger zufrieden, das regt ihn auf. Als
wir morgens den Metzgerladen Marchetti betreten, in dem er gleich von einer
ganzen Familie gelernt hat, wird mir klar was er meint. Hier liegen nur die
besten Fleischsorten, liebevoll zubereitet, gekonnt weiterverarbeitet. Man kann
probieren. Nebenan gibt es noch warmes Essen und Delikatessen.
Ein paar Straßen weiter durchkämmen wir einen Fischladen
nach den besten Spezialitäten und kaufen für den Abend ein. Es gibt Dorade und
einen Fisch, den die Amerikaner mal fälschlicherweise für einen kleinen
Tunfisch gehalten haben „Short Tuna“. Die Italiener haben es falsch verstanden.
Seitdem heisst er „Sortuno“. Ob er so geschrieben wird weiß ich allerdings
nicht. Aber die Geschichte ist großartig. Neben an schlürfen wir noch einen
hervorragenden Kaffee und ziehen dann weiter zum Gemüsehändler. Immer wenn ich
in Italien bin, kommt ein wenig Neid auf. Das schöne Wetter, das Meer, und dann
die vielen guten Geschäfte, die ich in Berlin lange suchen muss. Und dann noch
die dreirädrigen APE, in denen meist Oma und Opa sitzen und über die kleinen
Alleen pöttern. Ich erzähle das Gian Luca und er lacht. „Wenn du hier wohnst,
dann nerven dich die APEs, denn manchmal kannst du einfach nicht überholen.“
Man wünscht sich immer das, was man nicht hat.
Den ganzen Tag stehe ich in der Küche und sehe zu, wie Gian Luca das fünfgängige Menü für den Abend zubereitet. Und filme ihn. Es gibt einen Apperetivo (Blätterteigherzchen mit selbsteingelegten roten Zwiebeln und Taleggio), danach ein Broccoligratin mit Sortuno und eingelegten und gefüllten Tomaten, eine Kürbissuppe, dann eine Pasta mit Pulpo, ein zartes Doradenfilet mit grünen langen Bohnen und gerösteten Kartoffeln und als Nachtisch wieder ein selbstgemachtes Blätterteigtäschen mit einer Vanille-Orangencreme und Obstsalat. Dazu noch selbstgebackenes Brot und besten Wein. Gian Luca braucht sechs Stunden, bis alles fertig ist. Ich bin fasziniert. Ich hätte zwei Tage daran gearbeitet. Zwischendurch machen wir ein kleines Picknick –es gibt Champagner und Bruscetta mit selbstgemachter Hühner-Paté. Wenn ich es mir wünsche dürfe wäre dieser Tag nie geendet. Vielleicht heuer ich als Küchenmöbel in der Locanda an. Zumindest Mittwoch und Samstag.
Abends dann als das Werk vollendet ist, wird der Tisch
draußen festlich gedeckt und alle Gäste finden sich ein. Amerikaner, Deutsche,
Schweden und der Australier Neil, ein Freund des Hauses, sitzen zusammen und
plaudern über das Leben, die Liebe, gutes Essen und das Reisen. Ganz entspannt,
ganz offen. Riccardo und Arianna servieren die Köstlichkeiten aus Gian Lucas
Küche und ein wohliges Hmmmm ist von allen Seiten zu hören. Das ist
international und jeder kann es verstehen. Ich übernehme den Chefkellner und
kündige allen an, was sie da vor sich haben – ich weiß ja bestens Bescheid. Mit
guten Gesprächen und guten Weinen klingt der Abend aus. Was für ein Tag – mit
jeder Sekunde habe ich mich mehr in die Locanda verliebt.
Und hier ist warum:
Locanda al Colle, Toskana from Angie Reisefreunde on Vimeo.
Mein letzter Tag kommt viel zu schnell. Nachts hat es geschüttet und auch tagsüber ziehen vermehrt dichte Wolken auf. Ich will zum Meer - das hatte ich bisher noch gar nicht geschafft. Herrlich ist es hier in der Nachsaison, kurz vor Saison Ende, dann bekommt das Meer seine Würde zurück und alles sieht irgendwie retro aus. Die Häuschen und Badeclubs am Strand, das Rettungsboot, das einsam und verlassen am Strand liegt. Ich sitze hier lange, döse, denke über vieles nach. Unter anderem darüber wie dankbar ich bin, so viele wunderbare Menschen und Orte als Bloggerin kennenlernen zu dürfen. Und dann kommt der Regen. Ich setzte mich kurz entschlossen in meinen Mietwagen und düse nach Cinque Terre nach Liguren, das nicht weit entfernt ist. Die dramatische Küste ist sicherlich eine eigene Reise wert, aber mir genügt es schon, hier einfach am Meer zu sitzen, der Surfern zuzusehen und einen Kaffee zu trinken.
Und hier ist warum:
Locanda al Colle, Toskana from Angie Reisefreunde on Vimeo.
Mein letzter Tag kommt viel zu schnell. Nachts hat es geschüttet und auch tagsüber ziehen vermehrt dichte Wolken auf. Ich will zum Meer - das hatte ich bisher noch gar nicht geschafft. Herrlich ist es hier in der Nachsaison, kurz vor Saison Ende, dann bekommt das Meer seine Würde zurück und alles sieht irgendwie retro aus. Die Häuschen und Badeclubs am Strand, das Rettungsboot, das einsam und verlassen am Strand liegt. Ich sitze hier lange, döse, denke über vieles nach. Unter anderem darüber wie dankbar ich bin, so viele wunderbare Menschen und Orte als Bloggerin kennenlernen zu dürfen. Und dann kommt der Regen. Ich setzte mich kurz entschlossen in meinen Mietwagen und düse nach Cinque Terre nach Liguren, das nicht weit entfernt ist. Die dramatische Küste ist sicherlich eine eigene Reise wert, aber mir genügt es schon, hier einfach am Meer zu sitzen, der Surfern zuzusehen und einen Kaffee zu trinken.
Zurück in der Locanda sitze ich auf der Terrasse, kann mich
gar nicht sattsehen an der Aussicht. Die Farben. Das Licht. Das Grün. Ich frage
mich, warum die Toskana so reicht mit Schönheit beschenkt wurde. Es ist
manchmal nicht zum aushalten – irgendwie sieht alles aus, wie gemalt. Neil
kommt dazu und wir plaudern, nippen ein Gläschen. Abends gehen wir mit
Riccardo und Freunden nach Pietrasanta, dem nächstgelegenen, mittelalterlichen
Städtchen, dass durch und durch stylisch und schön ist. Wir haben einen Tisch
in der Trattoria il Marzocco, die einem symphatisch Verrücktem gehört. Er
ist halb Sizilianer halb Schweitzer und ein Unikum. Das Essen ist köstlich,
eine Mischung aus toskanisch, sizilianisch und immer anders. Lecker!
Mein Abreisetag zeigt sich verregnet. Die Toskana weint
genau wie ich denke ich, als ich schweren Herzens meinen Koffer packe. Unten
warten schon Riccardo und Arianna. Ich muss fast losheulen. Ich glaube ich bin
die einzige Bloggerin, die trotz ständiger Abschiede ein echtes Problem damit
hat. Pippi in den Augen, kann ja wohl nicht wahr sein. Vielleicht habe ich aber
auch nur besonders viel Glück und entdecke wirklich die schönsten
Paradiese und lerne einfach die tollsten
Menschen kennen. Und da fällt eben der Abschied besonders schwer. Grazie und
Arrividerci Locanda. Ci vediamo a dopo.
PS. Erstens: Ich spiele ab sofort Lotto um Dauergast zu
werden. Zweitens: Die Locanda al Colle schließt ab Anfang November und geht in einen
kleinen Winterurlaub. Allerdings ist zwischen Weihnachten und Neujahr noch
einmal geöffnet – dann geht es erst Ende März wieder mit der neuen Saison los. Da sehen wir uns :)
Disclaimer: Ich war auf Einladung von Siglinde Fischer Charming Places unterwegs. Meine Meinung bleibt wie immer dennoch die meine. :)













wie schön!!!!
AntwortenLöschenWWHHOOAAAA! Was für ein Reisebericht! Große Klasse Angie! Hatte ständig die wunderschöne Toskana vor meinem inneren Auge.
AntwortenLöschenLiebe Grüße,
Stefan
:D Das freut mich, danke Stefan! Und ich denke den ganzen Tag schon wieder an die Locanda und will zurück!!! Schnief....
AntwortenLöschenMöchte am liebsten sofort meine Tasche packen und in den nächsten Flieger steigen!! Sehr schöner Bericht! Macht Spaß! Danke!!
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