Vollbremsung in Niederbayern

Das Knirschen ist das einzige, was ich neben dem Vogelgezwitscher höre. Sonst nichts. Das mahlende Geräusch von Schritten auf Kieselsteinen kommt näher und mit ihm der Engel Christina. Die bringt gerade das Frühstück ins Baumhaus nebenan. Meins ist schon da und steht vor mir, auf meiner Sonnenterrasse im Wiesenhaus. Es gibt verschiedene Brötchen, selbstgemachte Marmelade, ein Ei, Kaffee und warme Milch. Und eine Tageszeitung. Die ich sogar lese. So viel Ruhe und Entspanntheit habe ich mir seit Monaten nicht mehr gegönnt. Ich genieße es.

Nein - das ist kein Traum. Engel Christina gibt es wirklich. Sie ist Hotelangestellte hier im Hofgut Hafnerleiten. Aber deshalb ein Engel, wie alle die im Hotel arbeiten eher mit dem Herzen als nur mit dem Kopf dabei sind.

Gestern bin ich hier im Paradies angekommen. Zunächst per Zug nach München. Nächstes Mal fliege ich doch lieber, aber der Lufthansa-Streik hatte mich ängstlich werden lassen. Dann noch einmal zwei Stunden von der Münchener Innenstadt hieraus. Ostbayern, Niederbayern, kurz vor Passau. Willkommen in Bad Birnbach. Schon die ersten Eindrücke der Landschaft hatten mich milde gestimmt und meinen Stress vergessen lassen. Statt meiner coolen Berliner elektronischen Musik habe ich laut Tom Jones und Ronan Keating im Auto mitgesungen. Vorbei an Maisfeldern, dichten Wälder und satten Täler. Und durch das geöffnete Auto-Fenster Kuhstallgeruch. Idylle pur.

Zwei Tage im Hofgut Hafnerleiten und die Landschaft, das Essen und das Hotel genießen und darüber schreiben. Ich hatte es mir schön vorgestellt, denn die Bilder, die ich gesehen hatte,  waren umwerfend. Aber als ich nach insgesamt 9 Stunden endlich ins Hofgut einbiege bleibt mir schier die Spucke weg. Vor mir liegt das Paradies. Mitten in Bayern. Noch viel schöner als auf den Fotos und dann röhren im nahen Wald auch noch die Hirsche. Eins ist schnell klar: hier unterscheiden sich die Prospektfotos nur im umgekehrten Sinne von der Realität - denn in Natura ist es noch schöner! Videobeweis gefällig?? 






Die Häuser
Immer noch sprachlos beziehe ich mein Haus, denn hier gibt es keine Zimmer, sondern nur Häuser. Drei neue werden gerade gebaut, dann sind es zehn. Es gibt ein Baumhaus, ein heißbegehrtes Bootshaus, ein Gartenhaus, ein Wasserhaus und ein Terrassenhaus. Und ein Wiesenhaus. In dem darf ich wohnen. Es ist gemütlich, die Einrichtung beruhigt mich. Alle Häuser sind nach den Elementen konzipiert. Höchst individuell - und vor allem bis in Detail durchdacht. Wie alles hier. Das Ehepaar Anja Horn und Erwin Rückerl betrieb zunächst nur eine Kochschule im Haupthaus. Die war nicht nur beliebt, und die Gäste wollten mehr. Immer wieder stellten sie eine Frage: „Können wir nicht auch über Nacht bleiben?“. Kurzerhand wurde die Sauna zum Boots- und damit zum Gästehaus umgebaut – und war fortan dauerbelegt. Noch heute ist das Bootshaus die begehrteste Unterkunft im Hofgut und monatelang ausgebucht. 

Aber die anderen Häuser sind ebenso schön und individuell: Mal ist in einem Haus die Wanne in der Mitte des Zimmers – „Dann kann einer baden und der andere liegt auf dem Bett. Da kann man schön ratschen“ erklärt die Besitzerin Anja die Idee. Oder auch in der Badewanne frühstücken. Andere Häuser bieten mehr Privatsphäre. Alle haben einen Kamin und sogar eine Außenfeuerstelle für das Lagerfeuer am Abend. Bald kommen größere Häuser hinzu, in denen man auch längere Zeit verbringen kann. Hier kann man dann auch selber kochen, wenn man mag – der Kühlschrank im Haus ist dann bereits für die Gäste gefüllt. Ab Dezember sind die neuen Unterkünfte fertig. Dem Anspruch an eine besondere Architektur sei man, so die Anja Horn, von Anfang an verpflichtet. Seit das Hofgut mehrfach ausgezeichnet wurde, könne man nicht mehr einfach so bauen. Also werden auch die neuen Häuser alles andere als gewöhnlich werden. Abseits jeglicher Urlaubsklischees und wie auch die anderen Häuser ein Ort für süßes Nichtstun.

Die Atmosphäre
Ruhe, Abgeschiedenheit, Natur pur. Das Hofgut Hafnerleiten ist autark. Vor einem mit Blick nach Westen Felder und Wiesen, zur rechten Seite ein Wald. Zwei kleine Teiche zum Schwimmen gehören zum Grundstück. Einfach alles stimmt hier. Über viele kleine Aufmerksamkeiten freue ich mich, wie zum Beispiel selbstgemachte Apfelchips als Knabbersnack zur Nacht. Oder die hausgemachte Marmelade zum Frühstück, deren (üppige) Reste man am letzten Tag einfach mitnehmen kann. Es gibt keinen Fernseher und auch keinen Internetempfang – das bringt mich Reisebloggerin zur Verzweiflung. Für die Gäste ist es sicherlich ein Segen. 

Denn was gibt es schöneres, als beim Abendessen einfach auf den leuchten roten Sonnenuntergang zu starren anstatt auf das blinkende Handydisplay. Zudem sitzt man mit anderen Gästen am Tisch und plaudert. Ich habe ganz entzückende Menschen hier bei Essen kennengelernt. Es sind Gleichgesinnte. „Partners in crime“, Genießer und Menschen, die sich auf dem Ballermann unwohl fühlen. Und dann später -anstelle der Tagesthemen- kann jeder Gast vor seinem Haus noch ein Lagerfeuerchen anzünden – und beim Blick in die Flammen den Tag Revue passieren lassen.  Im Winter heizt man die Kamine in den Häusern  – und kann bei knisternden Flammen lesen. Genügend Bücher gibt es, Spiele auch. Und auch der Tag kann voll sein – wenn man mag. Gäste können hier Massagen buchen oder im Winter in der Erdsauna oder in der Finnischen Sauna verschwinden, schwitzen und nachdenken. Oder lernen: Die Gastgeber bieten unzählige interessante Koch- und sogar Baristakurse an. 

Apropos: Der Kaffee, der hiermit viel Wissen zubereitet wird, kommt von einem besonderen Händler aus München. Der ist eigentlich studierter Philosoph. Das schmeckt man, finde ich. Mir erklärt Eigentümer Rückerl im Schnelldurchlauf wie man einen guten Cappuccino macht. Wie seine Frau ist er ein Vollprofi, er ist gelernter Koch, sie Hotelfachfrau. Die ältere Tochter geht auf die Tourismusschule – beide Eltern hoffen, dass sie den Hof einmal übernehmen wird. Das hoffe ich, wie wohl alle Gäste des Hofguts mit. In dem Gästebuch von „meinem“ Wiesenhaus, werden Manager zu Poeten und schütten schriftlich ihr Herz aus. Sie schreiben, wie sie mal „ein paar Tage“ raus mussten und ihre Frauen den Kurzurlaub gebucht hatten und sie sich nicht vorstellen konnten, ohne Handy und ohne Fernseher zu leben. Und dann endlich runter kamen und traurig waren, nach drei Tagen wieder fahren zu müssen. Andere Gäste schreiben ganze drei Seiten über ihre Erlebnisse hier. Alle sind dankbar und das Lesen der Eindrücke macht mich sentimental. Ich werde auch ein paar schöne Sätze hineinschreiben und sentimental werden, dass weiß ich schon am ersten Tag. Nicht nur die Häuser sind hier nah am Wasser gebaut. Außerdem haben es mir die drei Hofkatzen angetan, besonders Janosch. Hier erfahrt ihr, warum.






Das Essen
Die Liebe geht hier auch durch den Magen. Es wird so gut es geht regional eingekauft und immer mit großer Sorgfalt zubereitet. Hier verstehen sich, zumindest bei den „normalen“ Häusern, die man mietet, die Preise ab zwei Übernachtungen mit Halbpension. Morgens kommt das Frühstück ans Haus, abends treffen sich alle Gäste zu einem 3-Gang-Menü mit Hauswein im Haupthaus.  Wer lieber im eigenen Haus essen möchte kann ein 4-Gänge Menü extra bestellen. Das Trinkwasser kommt aus 90 Metern Tiefe – aus dem eigenen Brunnen und schmeckt hervorragend. An meinem ersten Abend gab es auf dem Hof idyllisch unterm Trompetenbaum eine feine Piadina als Amuse-Gueule und danach ein köstliches Auberginen Carpaccio mit Rucola und Parmesan. Der Hauptgang war ein auf den Punkt perfektes zubereitetes Hähnchenfilet, die Haut schön knusprig, das Fleisch saftig. Dazu Kichererbsen in einer aromatischen Tomatensauce. Und als krönenden Abschluss dann noch einen hausgemachten Apfelstrudel in Vanillesauce. Köchin Franzi hat es nicht nur drauf, sie versteht auch Spaß. Dazu aber gleich...

Am zweiten Abend überzeugte mich Koch und Chef Erwin Rückerl mit einem leichten Antipasti-Trio als Appetithäppchen gefolgt von einem Tomaten-Mozzarella-Duo. Als Hauptspeise gab es ein  saftig gegrilltes Steak mit aromatischen Rosmarinkartöffelchen und Pilzen und zum Abschluss die Sünde pur in Form eines Schokoküchleins mit flüssigem Kern samt Vanilleeis. Kann ich bitte bleiben? Übrigens: Immer donnerstags gibt es für alle (und auch für Gäste aus der Umgebung und Einheimische) eine große Spaghettata. Man isst zusammen Pasta aus der Riesenpfanne - ein echtes Fest. Am Freitag Abend geht es feiner zu – ein 4-Gänge-Menü mit hochkarätigen Speisen wird dann aufgetischt. Ach ja, Köchin Franzi kann nicht nur super kochen, sie ist auch eine echte Bayerin und hat versucht, mir ihre Sprache ein wenig näher zu bringen... naja...






Die Umgebung
Das Hofgut liegt in der sogenannten niederbayerischen Toskana, wobei der Hausherr, der jahrelang in Italien gearbeitet hat, den Begriff „niederbayerische Hügellandschaft“ bevorzugt. Malerische Hügelformierungen, Wälder und Felder bestimmen die Landschaft und ziemlich oft tuckert man Treckern hinterher. Die Umgebung ist wie geschaffen für lange Spaziergänge oder Wanderungen. Das nah gelegene Bad Birnbach ist sicherlich eher etwas für ältere Semester, aber einen Besuch wert. In den örtlichen Thermen gibt es sogar ein Hammam! Bei 28 Grad Außentemperatur im Spätsommer allerdings war mir das zu warm um auch noch drinnen zu schwitzen.

Ich habe lieber die Gunst der Stunde genutzt und war bei Trachten Waldmann, einem echten Trachtenladen ohne viel Schischi, aber mit der wohl freundlichsten Bedienung weit und breit. Weil ich auf der Suche war nach jemandem, der mir das Jodeln beibringt, wurde mir kurzerhand ein bayerisches Liedgut vorgetragen – auch was feines. Und mein erstes Dirndl ist eine gute Wahl. Ich trage es gerade, als ich diese Zeilen hier schreibe. Schon allein deshalb muss ich noch mal hier herkommen – damit ich das Dirndl wieder tragen kann. Ach ja, dann muss ich auch den angeblich besten Gugelhupf der Welt ausprobieren, den es hier in Bad Birnbach gibt. Und zwar im Sammareier Gutshof.







Mein Fazit:
Eigentlich mag ich das alles gar nicht schreiben. Denn mit jedem Leser dieses Blogposts schwindet die Chance, im schönen Hofgut Hafnerleiten jemals wieder spontan ein Häuschen zu bekommen. Vor allem weil das Hofgut wie gesagt schon sehr gut gebucht ist. Mögen es mir bitte die netten (Stamm-)Gäste verzeihen, die an den beiden Tagen meines Aufenthalts kennen gelernt habe.  Also jetzt wirklich mein Fazit: Das Hofgut ist ein Traum, mehr Familie als Hotel. Ein Ort zum Wohlfühlen, Abschalten, die Seele baumeln lassen. Auch Alleinreisende werden hier glücklich, abends sitzt man nie einsam, sondern immer mit anderen Gästen amTisch - und tagsüber kann man die Ruhe finden, die man vielleicht braucht. Hier gibt es viel mehr Feingefühl für Menschen, die Natur, Architektur, Dekoration und Kulinarisches als in den vielen Hotels, in denen ich bisher übernachtet habe. Ich habe mich sauwohl gefühlt und wollte eigentlich nicht wieder abreisen. Also: ich komme wieder. Ich schnappe mir eine Freundin und buche das Wasser oder Bootshaus. Im Winter. Dann wird der Kamin angeschmissen – und gelesen. Vielleicht können wir rodeln gehen und ich abends wieder mein Dirndl tragen und Lieder über Rehragout singen. Und ich verspreche: dann gibt es keine Instagram Fotos, kein Blogeintrag und auch keine Videos. Dann mache ich das Handy aus und mache nämlich Urlaub – und eine Vollbremsung in Bayern.

Mehr und größere Fotos wie immer auf Facebook.com/reisefreunde.
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Disclaimer: Diese Blogreise wurde von vielen Engeln unterstützt. Zum einen von der Agentur PRCO in München, zum anderen vom Hofgut Hafnerleiten und von der Autovermietung Holiday Autos. Ohne sie wäre diese Recherchereise nicht möglich gewesen. Meine Meinung bleibt aber wie immer meine eigene.

7 Kommentare:

  1. Toll!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

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  2. Liebe Reisefreunde, wenn ihr etwas schreibt, dann ist das so als wäre ich selber dabei. Es macht mir eine große Freude, eure Artikel zu lesen. Für mich als Alleinreisende scheint das Hotel ideal zu sein.
    Herzliche Grüße aus dem hohen Norden
    Anne

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  3. Nicht nur zu zweit, süßes Nichtstun - das Hofgut verleitet auch zur ICHZeit !
    Ab 4 November 12 ist es wieder soweit!

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  4. Wir waren da und dabei... und JA es stimmt!!! Man betritt den Hof und sagt... toll hier bleibe ich und komme wieder!!!
    P.S: Toller Blog und Danke für den lustigen Abend.
    K&A aus Berlin (Pankow)

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  5. Hallo K&A, ach ihr hattet es ja gut und durftet noch ein bißchen länger bleiben! Ich versuche wirklich im Winter das Bootshaus zu ergattern und mummel mich dann da schön ein! Juhu! Euch alles Liebe und vielleicht sehen wir uns mal in BAAALIN!
    Liebe Grüße
    Angie :-)

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  6. Ja, genau so ist es. Der Himmel auf Erden, natürlich in Niederbayern, wo sonst!? Leider ist es kein "Geheimtipp" mehr, jetzt erst recht nicht. Wir (zu zweit) haben das Wochenende im Mai 2011 sehr genossen und denken oft mit Freude und Wehmut daran zurück. Irgendwann, kommen wir wieder, zum Hofgut Hafnerleiten, in die "bayerische Toskana"!!!
    Einfach abschalten und genießen !!!!!!!!!

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  7. bin über das Hofgut hier gelandet weil ich immer über die Neuigkeiten informiert werden. Ja, *umschau* ich fühl mich wohl bei dir. Viele tolle Infos. Möchte mit dem Gatterich demnächst ins Pimont zum Trüffelsuchen. Gruß kunstecht - würde mich auch über einen Gegenbesuch mal freuen.

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